
Es war ein Abend, der eigentlich alles bereithielt, was den Fußball so unberechenbar, so emotional und mitunter auch so herrlich verrückt macht. Über 250 Zuschauer im Salmtalstadion rieben sich verwundert die Augen, als der unerschütterliche Liga-Primus aus Tarforst nach einem zwischenzeitlichen 0:2, in Unterzahl und trotz aller Widerstände am Ende tatsächlich mit 4:3 bei der selbsternannten Macht vom Dorf triumphierte. Ein Spiel, das mehr Drama bot als so mancher Kinofilm – und dessen Drehbuch wohl selbst die kühnsten Optimisten auf Seiten der Trierer Höhenkicker nicht besser hätten schreiben können.
Dabei begann alles ganz und gar nicht nach dem Geschmack des FSV. Die Thömmes-Elf legte los wie die Feuerwehr, presste früh, suchte konsequent den Weg nach vorne und erspielte sich bereits in den ersten Minuten hochkarätige Möglichkeiten. Jan Brandscheid scheiterte freistehend am glänzend reagierenden Felix Kloy, der an diesem Abend noch mehrfach zum entscheidenden Faktor werden sollte. Während Salmrohr druckvoll und zielstrebig wirkte, ließ die Zöllner-Elf zunächst jene Durchschlagskraft vermissen, die man von einem Tabellenführer erwarten darf – oder zumindest erwarten möchte.
Die logische Konsequenz folgte in der 20. Minute: Noah Wrusch nutzte eine der zahlreichen Offensivaktionen zur verdienten Führung, nur eine Minute später legte er eiskalt nach. 2:0 für den einstigen Zweitligisten – und Tarforst wirkte in dieser Phase erstaunlich anfällig, fast schon verunsichert. Man konnte sich des Eindrucks nicht erwehren, dass hier zwei Mannschaften auf dem Platz standen, deren Rollenverteilung an diesem Abend kurzzeitig vertauscht schien.
Ein kleiner Lichtblick blitzte auf, als Luca Quint das untere Lattenkreuz traf – wobei die Tarforster Bank den Ball wohl schon hinter der Linie gesehen hatte. Doch statt des möglichen Anschlusses folgte der nächste Rückschlag: Quint sah kurz darauf die knallrote Karte aufgrund eines Handspiels kurz vor dem Strafraum, eine Entscheidung, die für reichlich Hektik sorgte und die Partie endgültig emotional auflud. In Unterzahl, zwei Tore hinten – es lief alles gegen die Trierer Höhenkicker.
Und doch begann genau hier die vielleicht bemerkenswerteste Phase dieses Spiels. Die Tarforster Elf, plötzlich mit dem Rücken zur Wand, entwickelte eine Mentalität, die man nicht trainieren kann. Kurz vor der Pause verkürzte Caspar Suder nach einem Freistoß von Leon Schmid auf 1:2, ehe nur Augenblicke später erneut Schmid per Ecke die Grundlage für den Ausgleich legte, den Florian Weirich entschlossen vollendete. 2:2 zur Halbzeit – ein Spiel, das sich binnen Minuten komplett gedreht hatte.
Nach dem Seitenwechsel wurde die Partie härter, intensiver, beinahe überhitzt. Karten flogen auf beiden Seiten wie Konfetti – insgesamt zwölf Gelbe Karten (jeweils 6 auf beiden Seiten), zwei Gelb-Rote Karten, eine glatt rote Karte sowie zwei Elfmeter sprechen eine deutliche Sprache und lassen erahnen, wie viel Würze in dieser Begegnung steckte. Man könnte sagen: Der Schiedsrichter hatte alle Hände voll zu tun – und wahrscheinlich am nächsten Tag einen erhöhten Bedarf an Erholung.
Kurioserweise wirkte der FSV mit zehn Mann stabiler als zuvor in voller Besetzung. Diszipliniert, kämpferisch und mit beeindruckender Laufbereitschaft stemmte sich der Tabellenführer gegen die erneute Führung der Salmrohrer, die in der 67. Minute durch Hendrik Thul zum 3:2 kamen. Doch wer glaubte, dies sei die Vorentscheidung, hatte die Rechnung ohne den unerschütterlichen Willen des Liga-Primus gemacht.
Denn nur wenige Minuten später kippte das Spiel erneut – und diesmal endgültig. Zunächst dezimierte sich die Thömmes-Elf selbst durch eine Gelb-Rote Karte gegen Luis Thul, ehe ein Foulelfmeter den Tarforstern die große Chance bot. Decker trat an und verwandelte souverän zum 3:3. Was folgte, war der Gipfel eines ohnehin schon denkwürdigen Spiels: Ein weiterer Elfmeter für die Zöllner-Elf, erneut Decker – und wieder blieb er eiskalt. 4:3 für die Trierer Höhenkicker, während Salmrohr nach einer weiteren Gelb-Roten Karte nach wiederholtem Foulspiel von Rasheed Eichhorn plötzlich nur noch zu neunt auf dem Feld stand.
Die Schlussphase war geprägt von Kampf, Wechseln und dem verzweifelten Versuch der Gastgeber, doch noch einmal zurückzuschlagen. Doch die Tarforster verteidigten mit allem, was sie hatten – und vielleicht auch mit ein wenig Glück, das man sich an solchen Abenden schlichtweg erarbeitet.
Am Ende bleibt ein Derby, das seinem Namen mehr als gerecht wurde, ein Spiel voller Wendungen, Emotionen und kleiner Dramen. Und es bleibt die Erkenntnis, dass der Tabellenführer aus Tarforst nicht nur spielerische Qualität, sondern vor allem eine beeindruckende Moral besitzt. Ein bisschen Chaos, ein Hauch von Wahnsinn und eine ordentliche Portion Leidenschaft – genau diese Mischung machte den Unterschied am späten Mittwochabend.
Salmrohr hingegen wird sich fragen müssen, wie man eine solche Ausgangslage aus der Hand geben konnte. Vieles war stark, manches zu ungestüm, und am Ende vielleicht ein wenig zu nervös.
Doch dieser Abend gehörte den Trierer Höhenkickern. Und die dürften mit einem breiten Grinsen und dem Wissen nach Hause gefahren sein, dass sie nicht nur drei Punkte, sondern auch ein echtes Fußball-Epos geschrieben haben.
„Es war wirklich ein verrücktes Spiel – das muss man ganz klar so sagen. Gerade in der Anfangsphase waren wir extrem schläfrig und überhaupt nicht richtig im Spiel. Erst die aus unserer Sicht schwer nachvollziehbare rote Karte gegen Quint, nachdem wir bereits 2:0 zurücklagen, hat bei uns etwas ausgelöst. Plötzlich sind wir aufgewacht, haben angefangen zu kämpfen, sind mehr gelaufen und haben endlich die Moral gezeigt, die man von einem Spitzenreiter erwarten darf. Es war sicherlich kein technisch hochklassiges Spiel, aber den Einsatz und den Willen kann ich meiner Mannschaft absolut nicht absprechen. Mit einem Mann weniger einen 2:0-Rückstand noch vor der Halbzeit in ein 2:2 zu drehen, war schon eine überragende Leistung. Vor allem, wie wir uns in der zweiten Halbzeit durchgebissen – und am Ende dann auch völlig verdient mit 4:3 gewonnen haben“, lobt Cheftrainer Patrick Zöllner.
Weiter geht’s nun bereits am kommenden Samstag um 18:00 Uhr mit einem weiteren Auswärtsspiel beim SV Tawern. AM
Spiel-Infos
So spielte der FSV Trier-Tarforst: Kloy – Quint – Rigoni – Heitkötter (94. Resch) – Suder – Stüber (89. Probst) – Schmid (90. Gouverneur) – Kiesewetter – Decker – Wey (66. Scheuring) – Weirich
Tore: 0:1 (19. Wrusch) – 0:2 (20. Wrusch) – 1:2 (44. Suder) – 2:2 (45. Weirich) – 2:3 (66. Hendrik Thul) – 3:3 (73. Decker / Foulelfmeter) – 4:3 (75. Decker / Foulelfmeter)
Schiedsrichter: Lukas Krause
Zuschauer: 250






















